Gezielte Bandscheibentherapie besser als offene Operation

Team Rückenwelt Bandscheibe, Bandscheibenvorfall, Behandlungen

Ein gezielter Plan in der Therapie ist wichtig

Das wichtigste Anliegen bei der Therapie eines Bandscheibenvorfalls ist es, ohne Operation auszukommen. Ein Stufenplan in der Schmerztherapie geht Schritt für Schritt vor – je nach Stärke der Beschwerden. Doch auch wenn ein Eingriff unvermeidlich ist, gilt es, die Beweglichkeit des Patienten schnell wiederherzustellen. Hier hat die Mikrotherapie gute Erfolge.

Bildprojektion im MRT-Raum

Schmerzen dürfen nicht chronisch werden. Das ist auch bei einem Bandscheibenvorfall ganz wichtig. Denn je länger die Schmerzen anhalten, umso stärker werden sie empfunden. Auch wenn sich die Ursache gebessert hat oder gar kein Auslöser mehr vorhanden ist. Dann nämlich hat sich ein Schmerzgedächtnis gebildet. Gegen die Schmerzen sollten Sie also möglichst bald angehen. Ein kühlendes Gelkissen oder, wem das besser hilft, eine Wärmflasche können Sie schon zu Hause anwenden. Damit Sie sich zwischendrin von der Pein erholen können, hilft eine Stufenlagerung, den Druck auf die Bandscheiben zu entlasten. Legen Sie sich dazu auf den Boden und platzieren Sie Ihre Unterschenkel waagerecht auf die Sitzfläche eines Stuhls. Ihre Knie- und Hüftgelenke sollten idealerweise jeweils einen 90-Grad-Winkel bilden.

Medikamente: so wenig wie möglich, so viel wie nötig

Bei unerträglichen Schmerzen oder wenn diese länger als drei Tage anhalten, sollten Sie einen Arzt aufsuchen. Er wird mit Ihnen eine gezielte Schmerztherapie angehen, damit Sie sich möglichst bald wieder bewegen können. Dazu setzt er schmerzlindernde, entzündungshemmende und abschwellende Substanzen ein. Ich rate meist zu sogenannten NSAR (nichtsteroidalen Antirheumatika), da sie rasch wirken und ohne Kortison auskommen. NSAR unterdrücken die Bildung von bestimmten Botenstoffen, die Entzündungen vermitteln. Verschrieben werden aber auch Medikamente zur Muskelentspannung und sogenannte Cox-2-Hemmer, welche die Ausschüttung dieser Botenstoffe noch gezielter hemmen. Gegen stärkere Schmerzen kann der Arzt kurzfristig auch kortisonhaltige Medikamente, Narkotika (Narkose-Medikamente) oder Opiate (Stoffe, ähnlich dem Morphin) verschreiben. Da all diese Medikamente Nebenwirkungen haben, muss ihre Einnahme immer unter ärztlicher Kontrolle erfolgen.

Bei stärkeren Beschwerden: Schmerztherapie am Wirkort

Helfen diese Wirkstoffe nicht, muss zur nächsten Stufe, der Schmerztherapie, gewechselt werden. Dann geht es darum, gezielt den Nerv zu behandeln, auf den die verrutschte Bandscheibe Druck ausübt. Zum Beispiel bei der therapeutischen Lokalanästhesie. Dabei wird ein lang wirkendes lokales Betäubungsmittel an die Nervenenden gespritzt. Noch bessere Erfolge haben wir mit der medikamentösen Mikrotherapie. Diese Methode erlaubt es, die Injektion von schmerzstillenden oder entzündungshemmenden Substanzen an den Nerv mittels Kernspin- oder Computertomografie genau zu verfolgen. Durch diese Bildkontrolle kann man dann ganz gezielt hochwirksame Substanzen wie Kortison an ihren Wirkort bringen. Noch ein Vorteil: Die medikamentöse Mikrotherapie kommt mit einem Bruchteil der sonst benötigten Arzneimittel aus. Gerade bei empfindlichen Regionen wie dem Hals ist diese so zielsichere Methode erfolgversprechend.

Bewegung, nicht Schonung!

Gute Erfahrungen habe ich neben der Schmerztherapie auch mit Akupressur, Shiatsu oder Triggerpunktmassage. Obwohl diese passiven Bewegungstherapien aus unterschiedlichen Medizinsystemen (z.B. der Traditionellen Chinesischen Medizin) stammen, haben sie doch eines gemeinsam. Durch Druck werden besonders empfindliche, auf Leitbahnen liegende Punkte manipuliert. Zum Beispiel bei der Triggerpunktmassage: Triggerpunkte sind Verhärtungen in der Muskulatur, sie strahlen Schmerzen in weit entfernte Körperregionen aus. Werden diese Punkte massiert, bessern sich die Schmerzen. Doch nicht nur passive, auch aktive Bewegung ist wichtiger Bestandteil der Therapie. Bei der Physiotherapie oder Krankengymnastik werden Sie Übungen lernen, die gezielt die Bandscheiben entlasten sollen. Langfristig sollten Sie außerdem zu sanftem Sport übergehen, etwa Schwimmen oder Walking. Sprechen Sie Ihren Arzt darauf an, wann Sie soweit sind und welche Sportart für Sie geeignet ist.

Mikrotherapie: Eingriffe auf kleinstem Raum

Rund 90 Prozent der Patienten sind nach diesen konservativen Methoden beschwerdefrei. Halten die Schmerzen dennoch an, muss die Nervenwurzel von ihrem Druck befreit und Bandscheibengewebe entfernt werden. In der Regel kann hier die (operative) Mikrotherapie weiterhelfen. Sie arbeitet mit sehr kleinen Instrumenten, die über feinste Röhren oder Schläuche ins Körperinnere gebracht werden. Dazu genügt ein Hautschnitt, der nicht größer als ein Millimeter ist. Entscheidend bei dieser Methode ist das Computerauge: Über bildgebende Verfahren wie Kernspin oder Computertomografie kann der Operateur so in allen Gewebeschichten dreidimensional minutiös mitverfolgen, was er gerade macht. So kann er ganz gezielt – mit einem Laser oder mit Radiofrequenzen – Bandscheibengewebe verdampfen. Oder er schneidet Bandscheibengewebe ab und saugt es dann aus. Hierfür hat er Spezialwerkzeuge wie den Dekompressor oder eine Art Hydrojet, die sich entweder wie ein Milchschäumer schnell drehen und das Gewebe zerkleinern oder es wie ein Hochdruckreiniger erst ablösen und dann absaugen. Solche Eingriffe sind meist ambulant durchführbar, haben insgesamt weniger Risiken als eine offene Operation und führen seltener zur Bildung von Narben, die die Ursache von neuen Schmerzen sein können.

Operationen nur im Akutfall

Obwohl konservative Methoden meist schon ausreichen und die Mikrotherapie bei uns inzwischen zum Standard gehört, wird hierzulande noch viel zu häufig operiert. Leider sind solche Operationen in vielen Fällen keine Lösung, im Gegenteil: Bei rund 15 bis 20 Prozent verschlechtern sich die Symptome. Schuld daran können zum Beispiel Narben sein. Oft muss dann erneut operiert werden – mit deutlich schlechteren Prognosen. Und bei einem nochmaligen Eingriff verschlechtern sich die Erfolgschancen dann auf 25 Prozent. Experten wissen, dass Versteifungen zwischen zwei Wirbeln oder die Implantation einer Prothese das Gleichgewicht des Bewegungsapparats durcheinanderbringen können. Das lässt sich allerdings nur schwer wieder herstellen. Eine Operation ist dann erforderlich, wenn es sich um einen hoch akuten Zustand handelt, etwa wenn eine Lähmung droht, sehr viel Bandscheibengewebe auf den Wirbelkanal drückt (Massenvorfall) oder ein Teil der Bandscheibe ganz abgerissen ist (Sequester). Um sicherzugehen, ob ein offener Eingriff wirklich nötig ist, lohnt es sich, ggf. eine zweite Meinung eines weiteren Arztes einzuholen. Manchmal hat man noch die Möglichkeit, endoskopisch zu operieren, dann ist der Schnitt immerhin nur bis zu 1 Zentimeter groß. Durch ihn führt der Operateur über Röhren eine Lichtquelle zur Beobachtung (Laserlicht) und das Operationswerkzeug. Diese endoskopische Operation, auch minimalinvasive Operation genannt, kann zum Beispiel eingesetzt werden, wenn die Bandscheibe seitlich vorfällt und auf den Nerv drückt. Möglicherweise wird in Zukunft eine weitere Methode manchen Patienten noch weiterhelfen können, die Transplantation von Bandscheibengewebe. Darauf weisen zumindest erste Erfahrungen mit einigen Patienten hin. Bei dieser Methode wird entnommenes Bandscheibenmaterial in Zellkulturen vermehrt. Die angezüchteten Zellen werden nach einiger Zeit dem Patienten injiziert und wachsen dann ins Gewebe ein.