Sind Rückenschmerzen ein Tribut an den aufrechten Gang ?

Auf allen Vieren hangelt sich der Affe vorwärts, gebückt schlurft der Menschenaffe, und aufrecht schreitet der Mensch. Als Tribut an den Gang auf zwei Beinen hat man lange Zeit Rückenschmerzen erachtet. Heute gelten sie als Volkskrankheit Nr. 1.


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Das Kreuz mit dem Kreuz

Als unsere frühen Vorfahren vor rund 4 bis 6 Mio. Jahren begannen, sich aufzurichten, brachte ihnen das entscheidende Vorteile. Ihr Blickfeld erweiterte sich, sie konnten weiter laufen und benötigten dabei weniger Energie als auf allen Vieren. Sie konnten nicht nur geradeaus gehen, sondern sich auch seitlich drehen. Und mit den nun freien Händen lernten sie, Werkzeug zu fertigen. Die Fortschritte in der Entwicklung hatten aber auch negative Anpassungen zur Folge: Mit der Aufrichtung der Wirbelsäule verbunden war nämlich, dass sich die Statik für den Rücken änderte. Zwei Scharniere wandelten sich dadurch der Übergang von der Wirbelsäule zum Kreuzbein und der Übergang vom Schädel zum Nacken. Die vertikalen Belastungen stauchen vor allem die Bandscheiben in der Halsregion und im Lendenbereich.

Der Rücken – ein Fehler der Evolution?

Evolutionsbiologen hielten dies für den Grund, dass der Mensch – anders als der Affe – für Rückenschmerzen geradezu prädestiniert ist. Doch ist der Rücken tatsächlich eine Fehlkonstruktion der Evolution? Sind diese statischen Belastungen der Hauptgrund dafür, dass so viele Menschen an Rückenschmerzen leiden?

Wenn ich Kernspin-Aufnahmen von älteren Menschen betrachte, entdecke ich oft mehrere Vorwölbungen der Bandscheibe. Sie lassen schlimmste Rückenschmerzen erahnen. Manche dieser Patienten berichten mir aber, dass sie überhaupt keine Schmerzen verspüren. Die Mechanik der Wirbelsäule kann also nicht allein dafür verantwortlich sein, wie es um den Rücken steht.

Der moderne Mensch kauert gebeugt vor dem Bildschirm

Entscheidender als der aufrechte Gang in der Evolution des Menschen scheint unsere veränderte Lebensweise zu sein. Frühe Menschen bewegten sich noch viel mehr. Ihre kräftigen Muskeln konnten die Wirbelsäule stützen und ihre Last verringern. Der moderne Mensch hingegen kauert viele Stunden am Tag gebeugt vor Computer oder Fernseher. Noch nie in der Millionen Jahre alten Geschichte der Menschheit hat der Mensch seine Muskeln so wenig eingesetzt. Bewegungsmangel und die dadurch verkümmerte Muskulatur sind eine entscheidende Ursache für Rückenschmerzen.

Noch dazu leiden viele Menschen heute an Übergewicht durch falsche Ernährung. Das Zuviel an Kilos drückt schwer auf die Wirbelsäule. Hinzu kommt, dass die Wirbelsäule nicht für ein so hohes Alter angelegt war, wie wir es heute erreichen können. Viele frühen Menschen wurden nicht älter als 30 bis 50 Jahre.

Stress als Ursache für Rückenschmerz

Und ein lange nicht genügend beachteter Faktor unseres Lebensstils ist Stress. Unsere frühen Vorfahren waren noch ständig Bedrohungen durch wilde Tiere oder Feinde ausgesetzt. Sie reagierten darauf mit Kampf oder Flucht. Doch unser Gehirn unterscheidet nicht, ob wir tatsächlich von einem Bären angegriffen werden oder uns nur unsere eigenen Gedanken Stress verursachen. Etwa, wenn ein Gespräch mit dem Chef bevorsteht oder wir unter Zeitdruck noch eine Arbeit fertig stellen müssen. Auch heute läuft in unserem Körper alles so ab wie damals bei Kampf oder Flucht. Unsere Muskeln spannen sich an, unser Atem wird flacher, der Blutkreislauf wird umverteilt. Sind wir dauerhaft Stress ausgesetzt, verhärten sich die Muskeln, Sehnen und Bänder verkürzen sich. Der Rücken schmerzt.

Den individuellen Ursachen nachgehen

Inzwischen wissen wir, dass Rückenbeschwerden komplexe Ursache-Folge-Reaktionen sind. Ich bin daher überzeugt, dass ein einziges Patentrezept für den Rücken nicht mehr ausreicht. Nur die Statik der Wirbelsäule zu sehen, genügt nicht. Vielmehr geht es darum, bei jedem Menschen individuell herauszufinden, welche der Ursachen bei ihm zu den Beschwerden führen: ob körperliche Probleme, psychische Faktoren wie Stress oder Angst oder auch die soziale Komponente wie Zufriedenheit in Job und Familie. Wer einen gesunden Rücken möchte, für den ist es auch wichtig herauszufinden, welchen Einfluss sein persönlicher Lebensstil hat.


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